Kategorien: Scheibes Kolumne | Datum: 04.12.2011
Linktausch, Gastbeiträge, bezahlte Codewörter: Blog hinter den Kulissen
Den Blog “Alle meine Apps” mache ich aus reiner Spaß an der Freude. Mit Server und Web-Designer kostet er mehr, als er einbringt. Aber das ist okay so, ich habe keinen Druck, mit diesem Hobby Geld zu verdienen. Ein echter Hammer ist nur, wie sehr ANDERE versuchen, mit meiner Arbeit Kohle abzugreifen.

Ich bin seit über zwanzig Jahren IT-Journalist. Ich habe über 250 PC-Sonderhefte geschrieben, einige Bücher verfasst und etwa 20 Aktenordner selbst verzapfter Artikel gesammelt. In den letzten Jahren hatte ich ein Problem: Das Schreiben neuer Texte war zur Routine verkommen, mir fehlte der Spaß und der Kick. Bis ich das iPhone für mich entdeckte. Der schiere Ideenreichtum der verschiedenen Apps, die niedrigen Preise und überhaupt die mobile Revolution machten mich total an – und ich hatte beim Schreiben von Reviews wieder ein Kribbeln im Bauch, weil es für mich wichtig war, andere an meinen App-Entdeckungen teilhaben zu lassen. Jetzt sind zwei Jahre rum, Allemeineapps.de holt im Schnitt tausend Besucher am Tag – und es macht immer noch Spaß.
Krass finde ich nur, wie sehr andere versuchen, aus meiner Blog-Arbeit einen Vorteil für sich selbst zu schlagen. Täglich rauschen bei mir Anfragen für einen Linktausch ins E-Mail-Postfach. Wir reden hier nicht von den Anfragen anderer iPhone-Blogs, in eine Blogroll aufgenommen zu werden, was völlig legitim ist. Stattdessen soll ich Links zu Online-Casino-Seiten, zu Finanzdienstleistern oder ähnlich thematisch völlig unpassenden Seiten einbauen. Das macht natürlich Sinn – für die anderen. Backlinks von seriösen Seiten mit gutem Pagerank und vielen Besuchern sind wichtig, um die eigene Seite SEO-mäßig zu “pushen”, sodass sie bei Google schneller und besser gefunden wird. Aber warum ich eine Link-Wüste aufbauen soll, erschließt sich mir nicht. Zumal mir die versprochenen Backlinks auf völlig artfremden Seiten gar nichts nützen.
Dann kommen die Firmen und bieten mir plötzlich Geld. Nicht für eine Werbeanzeige oder etwas ähnlich Klassisches. Nein, sie wollen, dass ich bestimmte Codewörter in meinen Texten mit ihrer URL verknüpfe. Dafür würden sie tief in die Tasche greifen. Klar. Je häufiger im Web bestimmte Begriffe mit einer Web-Adresse verknüpft werden, umso eher wird diese Web-Seite als Ergebnis bei Google genannt, wenn das Wort gesucht wird. Was viele Blogger nicht wissen: Das ist verdeckte Werbung und verstößt als solches gegen das Wettbewerbsrecht und gegen presse- und medienrechtliche Vorschriften. Das Trennungsgebot sieht vor, dass Redaktion und Werbung deutlich sichtbar getrennt werden müssen – auch im Internet. Das bedeutet: Blogger, die Geld für solche Linkaktionen annehmen, können leicht Probleme mit der Justiz bekommen. Das gilt auch für bezahlte redaktionelle Texte, die nicht eindeutig als Werbung deklariert sind.
Aus diesem Grund gehen viele Firmen inzwischen anders vor – sparsamer. So bekomme ich immer wieder Mails, in denen mir Agenturen mitfühlend erklären, dass sie genau wissen, wie überarbeitet ich doch bin. So hätten sie einen vorgeschriebenen Gastbeitrag für mich, den ich nur noch zu veröffentlichen brauche, das würde mir doch viel Arbeit sparen und auch nichts kosten. Klar, das macht natürlich den Blog voll, aber zum einen schreibe ich bei Allemeineapps.de alle meine Texte selbst. Und zum anderen bin ich zwar immer sehr enthusiastisch und verteile gute Punkte: Ich suche mir aber auch sehr genau die Apps heraus, die es wert sind, dass so viele Worte über sie verloren werden.
Letztens kam wieder so eine Mail: “Ich habe gesehen, dass Sie auf Ihrem Blog viel über Iphone Apps/Spiele berichten. Ich hätte großes Interesse einen Gastartikel über ein paar meiner Lieblingsspiele zu veröffentlichen.” Im ersten Moment dachte ich, da würde sich ein neuer Mitarbeiter empfehlen, vielleicht ein Schüler oder Student, der gerade das Schreiben für sich entdeckt. Dann entdeckte ich, dass auch diese Mail direkt von einer Agentur kam. Nice try, Leute.
Ach ja: Wie immer sind die Amerikaner schon viel weiter als wir deutschen. Viele Blogger veröffentlichen einen App-Review in den USA ganz offen nur noch dann, wenn die App-Entwickler dafür Geld bezahlen. Von 30 Dollar aufwärts ist hier als Entschädigung für den Testaufwand die Rede. Na super: Da bezahlen die Entwickler jetzt schon Geld dafür, dass sie einen “ehrlichen Testbericht” erhalten. Und natürlich steht dann nicht “Werbung” über den Texten. (Carsten Scheibe)


