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Kategorien: Interview | Datum: 08.03.2010

Interview: Michael Bukowski fasst sich kurz

Michael Bukowski ist Berliner Szene-Literat – mit tollen Ideen, aber keiner Zeit, sie in dicken Büchern aufzuschreiben. Wie gut, dass die Aufmerksamkeitsspanne eines lesenden iPhone-Besuchers auch nicht sehr lange hält. In seiner “Lektüre für Nichtleser” kommt Bukowski deswegen ganz schnell auf den Punkt. Wir wollten mehr wissen – und konfrontierten den Autor mit vielen, aber immerhin kurzen Fragen.

Literatur für Nichtleser – was ist das eigentlich genau?

Extrem komprimierter, pointierter und nebenbei zu genießender Stoff für Leute, die zu wenig Zeit zum Lesen finden. Und etwas plump gesagt eine Art Lektüre to go. Das heißt: Ideal für alle Zwischendurch-mal-eben-Situationen; sei es in Bahn und Bus, in der Supermarktschlange, zwischen zwei Meetings und so weiter. Ich beschreibe das ganze gerne auch als “Comics ohne Bilder”, da sich die “Nichtleser”-Geschichten wie Comic-Strips lesen, bzw. nichtlesen lassen.

Seit wann erscheinen die Lichtleser-Geschichten bereits in gedruckter Form? Und wo? Wie teuer sind die Heftchen und welche Auflage druckt ihr da?

Den ersten Band habe ich 2005 unaufgefordert selbst publiziert; also ohne Verlag, ohne ISBN-Nummer etc. einfach drucken lassen und in ein paar ausgesuchten Läden verkauft. Mein erster Händler war der Bio-Fleischer “Wild & Geflügel Albrecht” in der Akazienstr., wo die kleinen DIN A6-Hefte auf der Theke einen überraschenden Auftritt hatten. Anstatt sich in der Warteschlange zu langweilen, griffen die Leute zur “Lektüre für Nichtleser” und verkürzten sich damit die Wartezeit.

Seit diesem ersten Band habe ich ungefähr die Taktung von einem halben Jahr eingehalten, ohne daß ich diese Stringenz hätte vorhersehen können. Davon bin ich selbst angenehm überrascht. Inzwischen verkaufen wir in Berlin in 6 Shops – allesamt keine Buchläden, sondern Gaststätten, Berlin-Läden oder auch mal ein Schuhgeschäft. Das ganze läuft bis heute ohne professionellen Vertrieb und die Bücher verkaufen sich ohne jegliche werbliche oder PR-Unterstützung. Natürlich hält sich der Verkauf in moderaten Grenzen. Wir drucken pro Band eine Auflage von 500 Exemplaren. Das ganze bleibt also vorerst im exklusiven Bereich. Die einzelnen Bände mit jeweils 128 Seiten verkaufen wir für 7 Euro im Handel und inkl. Versand bei Bestellung über meine Website für 9 Euro.

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Warum die iPhone-Umsetzung? Kommen die kurzen Texte den kurzen Bildschirm entgegen?

Wenn ich mal auf dicke Hose machen darf, behaupte ich gerne, Deutschlands erster Handybuch-Autor zu sein. Denn meine Nichtleser-Texte haben wir bereits im Sommer 2006 zum Handy-Download angeboten. Damals war an Smartphones allerdings noch nicht zu denken und die Geschichte war ein kompletter Voll-Flop. Auf den Mäusekino-Displays der damaligen Handys wollte keiner lesen und der Download-Prozeß war noch viel zu kompliziert.

Trotzdem war ich von Anfang an der Meinung, daß das Nichtleser-Format perfekt für den mobilen Gebrauch ist und eben nur die passenden Endgeräte dafür fehlen. Mit dem iPhone und anderen Smartphones fiel dann der Startschuss für mobile Literatur. Wir haben uns auch nur zu Beginn auf den App Store konzentriert und bringen den aktuellen Band 9 auch als eBooks heraus, die auf allen gängigen Kanälen und Readern erhältlich sein werden. Die “Lektüre für Nichtleser” ist natürlich prädestiniert für das Format von Smartphone-Bildschirmen. Bis heute will bekanntlich niemand darauf wirklich epische Literatur konsumieren und selbst herkömmliche Kurzgeschichten sind noch viel zu lang dafür. Man kann dieses Leseverhalten auch sehr genau an den Top100 der meistverkauften Buch-Apps bei iTunes ablesen. Dort dominieren einfache Stoffe wie erotische Quickies oder Ratgeber-Formate. Zeitgenössische Romane dagegen haben bisher dort keine Chance.

Warum lauter verschiedene Apps und nicht eine für alle?

Weil wir trotz inzwischen anderthalbjähriger Erfahrung noch nicht mit allen Wassern gewaschene Experten sind. Wir hatten im Sommer letzten Jahres den “Nichtleser 1″ in den App Store gebracht, der vom Umfang her vergleichbar ist mit einem gedruckten Buch. Das schien uns im Nachhinein eigentlich viel zu viel Holz für ein Format namens Nichtleser. Deswegen haben wir uns bei Band 9 für eine Serie von 6 einzelnen Apps entschieden. Sicher wäre die In-App-Kauf-Option eleganter und wir werden das voraussichtlich im kommenden Sommer mit Band 10 auch so umsetzen.

Wie ist das Feedback? Kann man reich werden von den iPhone-Verkäufen?

Das Thema Feedback ist interessant. Hier kommt die klassische Preis-Psychologie ins Spiel. In kurzen Worten haben wir die altbekannte Erfahrung am eigenen Leibe nachvollziehen dürfen, daß, was nichts kostet, auch nichts wert ist. Abzulesen war das anhand der völlig unterschiedlich ausfallenden Bewertungen, die wir für die Kaufversion und die zeitweilig angebotene kostenlose Leseprobe erhalten hatten. Die Kaufversion erhält wenige, aber überwiegend lobende Kritik, die Leseprobe polarisierte sehr stark und hatte deutlich mehr schlechte als gute Bewertungen. Fazit: Was umsonst ist, behandelt man auch so. Und unsere Konsequenz daraus: Wir werden grundsätzlich nichts mehr kostenlos anbieten. Wozu auch?
Buch-Apps erweisen sich bisher als absolut verlässlicher Weg, sich vor plötzlich aufkommendem Reichtum zu schützen. Die Produktionskosten sind ungefähr vergleichbar mit dem Druck eines Buches in geringer Auflage, die Verkaufszahlen dagegen halten sich in Grenzen. Wir werden in diesem Jahr ungefähr die Produktionskosten einspielen, mehr ist aber vorläufig nicht drin. Auf lange Sicht und mit neuen Endgeräten wie dem iPad wird sich dieser Markt meiner Meinung nach aber noch entwickeln.

Wenn die iPhone-Verkäufe noch nicht so berühmt sind, woran liegt das? Alle Welt spricht doch vom eBook-Wahn?

In Deutschland herrscht trotz aller Begeisterung für Smartphones noch eine gestrenge “Ich lese doch nicht auf dem Handy”-Mentalität. (Wobei billige Erotik dann doch wieder sehr gern gelesen wird, wenn man sich die App-Charts ansieht, aber egal.) Im Prinzip also das gleiche Spiel wie beim Online-, bzw. Bildschirmlesen. Auf der einen Seite steht die kulturell seit Jahrhunderten gelernte papierbasierte Mediennutzung, der gegenüber sich die modernen Kanäle erst behaupten müssen. Generell scheint mir aber auch, daß sich die Medien-Technologie schneller entwickelt als die Inhalte für diese Technologie. Ob es wirklich erstrebenswert und kulturell konsensfähig ist, einen klassischen Roman auf dem Smartphone zu lesen, wird sich zeigen. Ich sehe dagegen ein riesiges Potential für völlig neuartige Buch-Formen und arbeite selbst gerade an einem entsprechenden Konzept. Fakt ist außerdem, daß Deutschland hier im Vergleich zu den USA oder Japan traditionell etwas hinterherhinkt in Sachen Begeisterungsfähigkeit für neue Techniken.

Grabowski, Charming Heinz, Long Dong Copy: Gibt es solche Typen wirklich in Berlin Schöneberg? Wer inspiriert dich da?

Diese meine geliebten Knallchargen oder auch Alter Egos sind natürlich etwas überzeichnet, bzw. ein Konzentrat all der schrägen Vögel, die man im Schöneberger Kiez heute noch findet und deren Wurzeln manchmal noch bis in die Zeiten der alten West-Berliner Sumpfkultur zurückreichen. Ich habe über mindestens ein Jahrzehnt viel Zeit in Schöneberger Cafés und Bars verbracht, teils vor, teils hinter dem Tresen als Barmann. Grabowski & Konsorten sind eine Mischung aus der alten Mischpoke und dem neuen Medien-Mitte-Typus. Es handelt sich hier also nicht um eine bezirkliche Sozialstudie. Dazu würze ich das ganze noch mit einem gepflegten Schuss bekloppter Business-Moderne und dann ist’s rund.

Wie geht es weiter mit dem Nichtleser? Wann gibt es neuen Stoff?

Im Moment habe ich den Rohtext für Band 10 und 11 fertig. Nr. 10 erscheint im Sommer diesen Jahres. Mit dem nächsten Band eröffnet das selbsternannte Projekt-Oberhirn Grabowski die Werbeagentur Auweier Unhold & Partner, die sich ungefähr mit allem möglichen beschäftigt außer mit seriöser Werbung. Diese Agentur ist das subversive Setting für die nächsten Bände, ohne sich dabei aber mit Insider-Humor an Werbetreibende zu wenden.

Du twitterst sehr viel. Ist das nicht Verschwendung der eigenen Schreibkraft? Wäre es nicht besser, den ultimativen und langen Grabowski-Roman zu schreiben, damit die „richtigen“ Verlage daraus mal ein „richtiges“ Buch machen können.

Einen Roman sehe ich da aber gar nicht! Ich denke eher Richtung Film. Und Twitter ist natürlich ein nahezu seelenverwandter Kanal. Sprich: nichtleseriger geht’s ja gar nicht mehr, als mit 140 Zeichen ein Hyper-Kurz-Format zu kreieren. Das schließt sich bei mir nicht nur nicht aus, sondern ergänzt sich sogar ganz wunderbar. Ich hegemanne mich nämlich selbst. Das heißt: Viele meiner Tweets sind Vorlagen für Nichtleser-Geschichten und umgekehrt. Paßt perfekt!

Und eine Gegenfrage: Was heißt denn “richtiger Verlag”? Zugegeben, der St. Oberholz Verlag hat im Moment nur einen Autor unter Vertrag, nämlich mich. Das hat aber den Vorteil kurzer Wege zur Geschäftsführung. Mit anderen Worten: Ansgar Oberholz und ich sind eher ein Unternehmer-Team als ein Verleger-Autor-Pärchen. Das riecht erst mal nicht nach Major-Deals, macht dafür aber einfach Laune. Und ich hoffe, diese Konstellation bleibt uns noch eine Weile erhalten.

Los, ganz schnell: Deine Hobbies, deine Abneigungen. Und was sagen Frauen zu den Nichtleser-Texten?

Hobbies: in Cafés rumsitzen, twittern, joggen, schreiben, Ideen entwickeln und überhaupt sachdienlich anwendbarer Denksport aller Art. Abneigung hege ich gegen jede Form verbindlichen Dauer-Abhängens in Büros. Böse gesagt, darf man mich Kaffeehaus-Inventar nennen, wohlwollend betrachtet möchte ich anmerken, daß ich dafür auch hart arbeite.
Tjaha, und was sagen eigentlich die Frauen!? Manche lieben es, manche finden’s eher albern. Die finden da einfach keine klare Linie, die Damen.

Kontakt: Michael Bukowski, Crellestraße 16, 10827 Berlin
http://www.lektuere-fuer-nichtleser.de/




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